Baumschnitt in der Stadt

Wenn Tageslicht in der Wohnung knapp wird, oder das Blumenbeet im Schatten kümmert, macht sich leicht Beklemmung breit. Was liegt da näher als ein Befreiungsschlag mit Axt oder Kettensäge? Ein Baum ist schnell flachgelegt.

Klar: Baumschnitt macht um so weniger Arbeit, je dicker die gekappten Äste sind. Doch eine Stunde Zeitersparnis ist kein guter Grund für staksige Stummel, rasierte Kronen oder gar Kahlschlag.

Nach dem Schnitt im März und ein Jahr später: Eigentlich hätte der ehemals prächtige Ahorn schon im ersten Jahr kräftig mit Wassertrieben reagieren müssen. (Fotos: tis)

Allzu hemdsärmeliger Baumschnitt ist nicht nur eine ästhetische Zumutung. Er gefährdet das physiologische Gleichgewicht des Baums zwischen Wurzel- und Kronenmasse. Zwar versucht der Baum, in einer massiven Stressreaktion, den Kronenverlust mit Wasserschossen wettzumachen. Doch das alles schwächt seine Abwehrkräfte. Außerdem entsteht so bei vielen Baumarten eine hässliche besenartige Krone. Nur mühevoll und über viele Jahre lässt sich dann durch gezieltes Auslichten wieder eine natürlichen Wuchsform herstellen.

"Hausmeisterschnitt" nach einem Jahr: Durch den flachen Schnittwinkel entstand das größtmögliche Einfallstor für Keime - und der Wirrwarr von Wassertrieben lässt keine natürliche Kronenform mehr entstehen. (Fotos/Montage: tis)

Zu große, falsch geführte und unsaubere Schnitte sind überdies Einfallstore für Bakterien und Pilze. Ein häufiger Fehler: Dicke Äste oder sogar der Hauptast werden irgendwo zwischen den Ästen gekappt. Der Baum hat dann keine Chance, die Wunde mit neuem Material zu überwallen. Noch viele Jahre nach einem solchen Schnitt kann der Baum an Infektionen zugrunde gehen.

Zu starker Rückschnitt ist auch ökologisch bedenklich, bieten Baumkronen doch gerade in der Stadt reichlich Lebensraum und Nahrung für Vögel und Insekten.

Fazit

Richtig gemacht, lässt selbst ein kräftiger Verjüngungsschnitt einen Baum nicht wie amputiert aussehen. Die Kronenform bleibt weitgehend erhalten. Nach ein bis zwei Jahren fällt der Eingriff kaum noch auf. Also:

  • Freuen Sie sich an wertvollem Baumbestand. Für einen etwa 15-jährigen Baum müssten Sie in der Baumschule einige hundert Euro bezahlen – plus Pflanzarbeiten
  • Wenn Sie Obstbäume haben: Machen Sie den Baumschnitt zu einem Hobby
  • ansonsten: Rückschnitt und Auslichtung nur durch ausgewiesene Fachbetriebe (Referenzen verlangen!)
  • heuern Sie keine „fliegenden Gärtner“ an, die ihre Dienste an der Gartentür anbieten

Die wichtigste Regel lautet: Nie „mitten“ im Ast schneiden sondern knapp über einem günstig stehenden jüngeren Zweig.